
Im Juli 2005 wurde Mittersill von einem verheerenden Hochwasser heimgesucht.
© Archiv (BH Zell am See; Kurt Reiter)
Zwanzig Jahre nach der Hochwasserkatastrophe von 2005 ist Mittersill heute ein Vorbild für modernen Hochwasserschutz. Zwar wurden anlässlich der einzelnen Ereignisse immer wieder Schwachstellen in den Schutzbauten aufgezeigt; letztendlich hat der Hochwasserschutz eine Überflutung des Ortskernes von Mittersill bereits zweimal – in den Jahren 2014 und 2021 – verhindert.
Die ersten Versuche
Bereits 1988 wurde eine erste Studie zum Hochwasserschutz in Auftrag gegeben. Doch über viele Jahre hinweg verhinderten Widerstände und Uneinigkeit die Umsetzung. Es gründete sich sogar eine eigene Interessentengemeinschaft „Sinnvoller Hochwasserschutz“, deren Mitglieder eine massive Verschlechterung durch den geplanten Hochwasserschutzdamm vorhersagten und sogar das Aufkommen von Gelbfieber, Malaria und eine Blutegelplage befürchteten.
Zur Wende kam es erst nach dem Hochwasseralarm im Jahr 2002. Damals entkam Mittersill nur dank des unermüdlichen Einsatzes der Feuerwehr knapp einer Überschwemmung. Unmittelbar danach wurden Detailplanungen für einen umfassenden Schutz von Mittersill aufgenommen. Es folgten unzählige Gespräche mit den betroffenen Grundeigentümern.
Hochwasserkatastrophe 2005
Schließlich beschloss die Gemeindevertretung am 7. Juli 2005 – trotz immer noch bestehender Widerstände - einstimmig das Projekt Hochwasserschutz Mittersill behördlich einzureichen und umzusetzen. Allerdings war es zu spät: Fünf Tage später am 12. Juli 2005 wurde Mittersill von einem der schwersten Hochwasserereignisse seiner Geschichte getroffen. Innerhalb weniger Stunden stand der gesamte Ortskern bis zu 1,5 Meter unter Wasser. 353 Objekte waren betroffen, die Schäden beliefen sich auf ca. 45 Millionen Euro. Das Krankenhaus musste evakuiert werden und konnte erst nach sechs Wochen den Betrieb wiederaufnehmen. Viele private Hausbesitzer und betroffene Firmen im Zentrum von Mittersill standen vor den Trümmern ihrer Existenz. Häuser waren zeitweise unbewohnbar, weil sich beißender Gestank durch geborstene Öltanks breit machte. Viele Infrastruktureinrichtungen wurden zerstört und die Pinzgaubahn wurde sprichwörtlich hinweggespült.
Dennoch haben sich die Mittersillerinnen und Mittersiller nicht entmutigen lassen. Sie haben angepackt, den Müll beiseitegeschafft (viele können sich vielleicht noch an die frei zugänglichen Müllcontainer auf den Straßen erinnern) und ihre Häuser und Betriebe wieder aufgebaut.
Das Mittersiller Schutzprojekt
Dieses Ereignis vom Juli 2005 war nicht nur eine Naturkatastrophe, sondern ein Weckruf für die möglichst rasche Umsetzung des beschlossenen Projektes. Mit vereinten Kräften wurde die Planung vorangetrieben und in teilweise langwierigen Gesprächen die Grundeigentümer von der Notwendigkeit des Schutzes für Mittersill überzeugt. Schließlich erfolgte im April 2006 der Spatenstich und die Fertigstellung fiel genau auf den 1. Juli 2008 – dem Tag der Stadterhebung Mittersills.
Im ersten Bauabschnitt 2006 wurde die Salzach auf etwa drei Kilometer Länge aufgeweitet, die Uferdämme wurden erhöht und die Abflussverhältnisse im Bürgerkanal verbessert. Diese Maßnahmen ermöglichten einen Schutz bis zu einem 30-jährlichen Hochwasser. Im zweiten Bauabschnitt, der von 2007 bis 2008 umgesetzt wurde, entstand ein 900 Meter langer und bis zu sieben Meter hoher Rückhaltedamm mit einem Rückhaltevolumen von 1,7 Millionen Kubikmetern.
Hochwasserschutz bewährt sich!
Die Bewährungsprobe der Schutzanlagen erfolgte am 31. Juli 2014. Dieses Mal konnten die Wassermassen durch den Hochwasserschutzdamm zurückgehalten werden. Dennoch zeigten sich erste Mängel im Schutzkonzept. Vor allem die Salzachbrücke, die während des Ereignisses Großteils überströmt wurde, zeigte sich als massives Gefahrenelement. Auch die Dämme im Ortszentrum wurden teilweise aufgeweicht. Unmittelbar nach dem Ereignis begannen die Planungsarbeiten für die Verbesserung der Schutzbauten. So wurden entlang der Dämme Spundwände eingebracht und erste Konzepte für eine neue Brücke ausgearbeitet. Mit viel Engagement aller Beteiligten und mit großzügiger Unterstützung des Landes konnte schließlich die Hubbrücke von Mittersill umgesetzt werden.
Das Hochwasserereignis des Jahres 2021 ist vielen Mittersillerinnen und Mittersillern wohl noch in Erinnerung. Es handelte sich dabei um ein Extremereignis mit einer 300-jährlichen Wiedereintrittswahrscheinlichkeit. Auch wenn am Gewerbegebiet West massive Schäden entstanden sind, konnte zumindest das Ortszentrum von Mittersill geschützt werden. Und neuerlich ging es darum das Hochwasserschutzsystem zu überprüfen und an die neuen Erkenntnisse anzupassen. So wurden im Besonderen die Mauern und Dämme im Bereich des Gewerbegebietes West erhöht bzw. verstärkt und ein Frühwarnsystem für die dortigen Betriebe ausgearbeitet. Dieses Ereignis hat aber vor allem eines gezeigt, die bestehenden Schutzbauten sind an ihre Grenzen gelangt. Das war Verpflichtung und Auftrag eine nächste Schutzstufe auszuarbeiten. Aus dieser Erkenntnis ist das Projekt Hochwasserschutz Oberpinzgau entstanden.
Klimawandel
Wichtig ist aber auch die Zusammenhänge zu verstehen, wie bzw. warum derartige Ereignisse – immerhin drei Extremereignisse in 16 Jahren – so gehäuft auftreten können. Ursache für die Hochwasserkatastrophe des Jahres 2005 war ein massives Regenereignis mit ca. 180 Liter pro Quadratmeter innerhalb von 36 Stunden. Hinzu kam eine Schneefallgrenze, die mit ca. 2.600 m relativ hoch war, wodurch der gesamte Niederschlag als Regen fiel und direkt in die Bäche abfloss. Bei den Ereignissen der Jahre 2014 und 2021 waren es ähnliche Konstellationen (wenn auch mit geringeren Niederschlägen aber höheren Schneefallgrenzen). Alles in Allem sind das jene Umstände, die die Gemeindeverwaltung und den Hochwasserwarndienst immer wieder beschäftigen: Durch den Klimawandel und den damit verbundenen Temperaturanstieg kann – einerseits – die Luft mehr Wasser aufnehmen, was zu stärkeren Regenereignissen führt. Andererseits steigt die Schneefallgrenze, was den Abfluss verstärkt. Bedenkt man weiters, dass 40 % des Einzugsgebietes der Salzach, bis Mittersill über eine Meereshöhe von 2000 m liegen, bedeutet jeder Meter höhere Schneefallgrenze einen umso größeren Abfluss.
Welches Resümee kann man nun aus 20 Jahren Hochwasserschutz Mittersill ziehen:
- Hochwasserschutz ist für unseren Ort überlebenswichtig (und Gelbfieber-, Malaria- und Blutegelplage haben sich nicht bewahrheitet!).
- Hochwasserschutz funktioniert. Aber dieser Schutz ist nicht statisch. Nach jedem Ereignis ist es notwendig, auf Basis der neuen Erkenntnisse, das Schutzsystem anzupassen.
- Es können immer noch größere Ereignisse kommen. Nach der Umsetzung des Hochwasserschutzes Mittersill haben wird uns in Sicherheit gefühlt. Das Ereignis des Jahres 2021 hat gezeigt, dass Hochwasserschutz auch Grenzen hat und ein Restrisiko bleibt.
- Der Klimawandel hat – vor allem durch den Anstieg der Schneefallgrenze – einen massiven Einfluss auf das Abflussgeschehen der Salzach. Das heißt die Klimaerwärmung trifft uns im Hochgebirge stärker als andere Regionen.
- Nicht entmutigen lassen: Die Umsetzung des Hochwasserschutzes Mittersill war ein Mammutakt! Unabhängig von den unzähligen Planungs- und Grundeigentümergesprächen waren in Summe ca. 20 Behördenverfahren notwendig. Jedes einzelne dieser Verfahren wurde beeinsprucht oder wurde Berufung eingelegt. Alle Verfahren konnten nur durch die Höchstgerichte abgeschlossen werden. Die letzte Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes erfolgte am 23. November 2023 – 17 Jahre nach der ursprünglichen Bewilligung!
- Verpflichtung zum Weitermachen: Hochwasserschutz hat zwar Grenzen, aber man kann die Grenzen immer wieder verschieben. So arbeitet der Wasserverband Salzach Oberpinzgau seit 2022 an einem umfassenden Schutzkonzept für die Tauerntäler. Ziel ist es, zusätzliche Retentionsräume in den Seitentälern zu schaffen, um den Talboden bei Extremereignissen zu entlasten. Diese Maßnahmen sollen den Hochwasserschutz im gesamten Oberpinzgau bis Zell am See und Bruck stärken.
Zwanzig Jahre nach der Katastrophe von 2005 ist Mittersill heute ein Vorbild für modernen Hochwasserschutz. Selbst der Boschafter der Niederlande hat sich vor Ort über unser Schutzkonzept informieren lassen. Die Kombination aus technischer Innovation (z.B. Hubbrücke) und politischem Willen (17 Jahre Verfahrensdauer) hat ein System geschaffen, das Leben und Werte schützt – auch wenn ein Restrisiko bleibt. Der Weg war lang, aber er hat sich gelohnt.