Anton Webern

Anton WebernNur wenig erinnert heute noch an das tragische Ereignis kurz nach Ende des 2. Weltkrieges, das den Namen der Oberpinzgauer Marktgemeinde jäh in die Musikgeschichte eingeschrieben hat: ein Grabstein, eine Gedenktafel, ein Gassenname. Am 15. September 1945 kam einer der bedeutendsten österreichischen Komponisten des 20. Jahrhunderts durch drei Pistolenschüsse eines amerikanischen Besatzungssoldaten in Mittersill ums Leben. Ein Unfall dürfte es allemal gewesen sein, obwohl die genauen Umstände dieses Vorfalls nie eindeutig geklärt werden konnten.

Anton Webern, 1883 in Wien geboren, studierte an der Wiener Universität Musikwissenschaft und war ab 1904 Schüler von Arnold Schönberg (1874–1951). Mit diesem und Alban Berg (1885–1935) ist er einer der namhaftesten Vertreter der 2. Wiener Schule.

Diese hat, an spätromantische Tradition anschließend, die so genannte Zwölftontechnik entwickelt und damit das künftige Musikschaffen in Europa und den USA maßgeblich beeinflusst. Webern, der diese Ideen am kompromisslosesten in Richtung serieller Musik weiterverfolgte, gilt heute noch als die große Symbolfigur der Neuen Musik. Auch als Dirigent war er stets Verfechter und Vermittler des Neuen: In der Zwischenkriegszeit leitete er den Wiener Arbeiter-Singverein und die legendären Arbeiter-Symphoniekonzerte. Während des Dritten Reichs musikalisch als „entartet“ eingestuft, blieb sein kompositorisches Werk jedoch weitgehend unbeachtet. Webern, in dessen Familie sich aktive Nationalsozialisten befanden, rang selbst um ein Gleichgewicht zwischen naivem Patriotismus und der unerschütterlichen Loyalität gegenüber seinen jüdischen Freunden.

Im Juli 1944 reisten Webern und seine Frau Hermine zum ersten Mal nach Mittersill, um ihre Töchter Christine und Maria zu sehen. Um den Bombardements in Wien auszuweichen, waren die beiden schon im Juni nach Mittersill gekommen, wo Marias Schwiegervater, Major Halbich, am Ortsrand das Haus Nr. 31 in Burk besaß. Im März 1945 brach das Ehepaar Webern erneut nach Mittersill auf – zu Fuß, diesmal auf der Flucht vor dem bevorstehenden Einmarsch der Roten Armee in Wien.

Am 15. September 1945, es war ein Samstag, waren sie bei ihrer Tochter Christine und deren Mann, Benno Mattel, die zu dieser Zeit mit ihren drei Kindern im Haus der Familie Fritzenwanger wohnten, zum Abendessen eingeladen.

„Wir kamen in ihrem Heim, Haus No. 101, Mittersill, um 20:00 Uhr an. Mein Schwiegersohn, Benno Mattel, erzählte uns, dass er während des Abends Amerikaner erwarten würde. Sobald diese ankamen, gegen 21.00 Uhr, gingen mein Mann, meine Tochter und ich zum Nachbar-Zimmer, wo die Kinder schliefen. Um 21.45 (genau) sagte mein Mann, dass wir bald nach Hause gehen müßten, zum Hause 31, weil wir dort um 22.30 Uhr ankommen müßten. Er wollte eine Zigarre rauchen, die er am Abend von unserem Schwiegersohn erhalten hatte. Er sagte, daß er nur einige Züge rauchen wolle und außerhalb des Zimmers, damit er die Kinder nicht belästige. Das war das erste Mal, daß er das Zimmer verließ. Mein Mann war nur 2 bis 3 Minuten außen, als wir 3 Schüsse hörten...“

„In jener Nacht wollte man meinen Schwager verhaften, weil er mit einigen Amerikanern Geschäfte gemacht hatte, die der Militärbehörde absolut nicht mehr genehm waren. Man wollte ihn bei einem Geschäft auf frischer Tat ertappen und wickelte dann ein fingiertes Geschäft ab.

Alle Hausbewohner wußten, daß für sie ein Ausgehverbot bestand, nur die Familie Mattel wußte nichts, und ausgerechnet an diesem Abend mußten die Eltern zu Gast bei den Mattels sein. Die Verkettung von all diesen tragischen Umständen ist kaum zu glauben.“

Nach seinem tragischen Tod am 15. September 1945 wurde Webern in der Mittersiller St. Annakirche aufgebahrt und am Ortsfriedhof beigesetzt. Anton Webern ist heute gemeinsam mit seiner Frau Hermine und seiner Tochter Maria Halbich († 2000) in einem Ehrengrab der Gemeinde Mittersill beigesetzt. Auf der Rückseite des Grabsteins ist das Gedicht Hildegard Jones zu lesen, das Webern 1935 vertont hatte.

Gedenktafel Anton Webern

In Anton Weberns Mittersiller Tagebuch befand sich auch das Manuskript des Zyklus Lumen von Hildegard Jone, aus dem Webern Auszüge für sein letztes, 1944 begonnenes und unvollendet gebliebenes Opus 32 verwendete. Es gibt keine Beweise dafür, dass Webern nach dem Tod seines Sohnes Peter, der im Februar 1945 gefallen war, nach der Flucht nach Mittersill noch komponiert hat. Es ist aber zu vermuten, dass er in Mittersill zumindest gedanklich mit seiner letzten Komposition beschäftigt war.

Quelle: Chronik "Mittersill - Vom Markt zur Stadt"